Ist Amrum das bessere Sylt?

Becher mit der Aufschrift: "Amrum ist das Wahre"

Wieder nach Sylt? Oder geht Nordsee pur auch anders?

Schon wieder Sylt? Wie oft ich dort war, kann ich schon lange nicht mehr zählen. Oder auch wie oft ich auf den anderen deutschen Nordsee-Inseln war. Fast alle habe ich schon gesehen. Manche habe mich fasziniert, manche etwas weniger. Alle haben diese wahnsinnig beeindruckende Landschaft aus Wind und Wellen, Düne und Watt gemeinsam.

Natürlich ist Sylt aus diesen Gründen großartig. Als größte nordfriesische Insel bietet sie außerdem genügend Raum, dass jeder nach seiner Fasson selig werden kann. Aber es gibt bezüglich Sylt einige Punkte, die haben mein Verhältnis zu dieser Insel immer wieder angespannt. Über sie kann und will ich auch nicht hinweg sehen, denn in jedem Urlaub haben sie sich unangenehm in den Vordergrund gedrängt.

Mir stinkt bei Sylt vor allem das dick Auftragen und zur Schau stellen: Schmuck, Kleidung und vor allem Autos werden zu Insignien der Selbstdarstellung. Letztere dienen quasi als tertiäre Geschlechtsmerkmale, die die Potenz seiner Besitzer herausstellen sollen. Ein dominant-aggressiver Fahrstil rundet das Bild ab. Und wenn das Geld nicht reicht, werden diese Fahrzeuge für ein Wochenende zum Vorführen gemietet.

Ich gönne jedem seinen Erfolg und die Freude daran, die damit einhergehenden Annehmlichkeiten zu genießen. Mir wird dieses zu sehr nach außen getragen und das wirkt sehr unangenehm. Es fehlt aus meiner Sicht das Selbstbewusstsein, bescheiden aufzutreten.

Ein zweiter Punkt ist die Größe der Insel. Dieses hat zur Folge, dass das Auto das Hauptverkehrsmittel ist. Nicht nur, dass das Fahren selber durch die notwendige Aufmerksamkeit der Erholung abträglich ist, sondern der Autoverkehr steht auch sehr im Vordergrund. Andere Verkehrsmittel müssen sich dem Primat des Autos unterordnen. Ich kann mich an einen sehr großen Parkplatz vor der Sansibar erinnern, nicht aber an eine nennenswerte Anzahl von Fahrrädern, die dort abgestellt wurden.

Schließlich ist Sylt auch sehr beliebt, so dass es im Sommer fast überall überfüllt ist. Ruhige Momente am Strand findet man nur weit von den Ortschaften entfernt. Am ehesten am Ellenbogen an der Nordspitze.

Was ist nun anders auf Amrum?

Die Landschaft, die Leere, die Menschen

Sand, soweit das Auge reicht. Was sich so stereotyp anhört, trifft bei Deutschlands breitestem Strand sicherlich zu. Wenn man in Westerland vom Hotel zum Wasser keine 50 Meter zurücklegen muss, sind bei Nebel auf Amrum bereits 500 m feinster Sand zu überqueren und am Südende bei Wittdün ein ganzer Kilometer zum Wasser. Der Sand ist karibisch fein und am Ufer sind keine Steine zu finden. Die sehr flach abfallende Uferlinie ermöglicht es, zum Schwimmen auch weit in das Wasser hinzugehen und bei Ebbe weitere Spaziergänge in die trockenfallende Gebiete zu unternehmen. Ja, die Brandung ist natürlich auch geringer ausgeprägt als beim nördlichen Nachbarn. Dieser Nachteil ist für mich zu verschmerzen.

Sand ist aber nicht die einzige Ausprägung von Landschaft. Die Natur auf der Insel zeigt sich vielfältig: von dem Strand über Dünen, Wald, Feldern bis zum Watt. Alles ist über die gesamte Länge der Insel zu erleben.

Die gesamte Insel ist per Fahrrad zu erschließen. Eigentlich wird das Auto nur benötigt, um anzureisen. Die Entfernungen sind kinderfreundlich und die Hauptfahrradwege in Nord-Süd-Richtung abseits der zentralen Versorgungsstraße.

Auffallend ist die Leere: trotz Hauptsaison sind nirgends viele oder gar zu viele Menschen auf einem Fleck. Die riesigen Dimensionen des Strandes erleichtern natürlich, einander aus dem Weg zu gehen. Die einzige Ausnahme war das Kino bei Regenwetter, was wohl keinen überrascht.

Und die Menschen, die man trifft, sind angenehm: unprätentiös und wenig auf Geltung bedacht. Der Unternehmensführer eines Unternehmens mit Weltgeltung radelt ebenso über die Insel wie zahlreiche Teilnehmer aus Mutter-Kind-Kuren. Es gibt kein Schaulaufen von Schmuck, Klamotten oder Autos.

Schließlich bietet Amrum einen Sonnenuntergang mit Blick auf Sylt 😉 Genauer: mit Blick auf die Südspitze mit dem Leuchtturm von Hörnum. Allein das ist Grund genug zum Strand am Norddorf zu kommen.

Die Sansibar auf Amrum

Die Sansibar gibt es auch auf Amrum: die Bude am Strand, die ein den ganzen Tag über in entspannter Atmosphäre gutes Essen und ausgezeichnete Weine anbietet. Sie heißt nur nicht Sansibar, sondern Strand 33. Anders als das Original gibt es auf der Westseite vom Restaurant einen weiten Blick auf den unendlich breiten Strand und die Nordsee. Dort, wo man von der Sansibar sich zum Parkplatz wendet und auf ein langweiliges Watt blickt, also keine 20 Schritte vom Westblick entfernt, sieht man von Amrum aus die nächste Nordseeinsel unmittelbar vor sich liegen: Föhr. Drehen wir uns wieder um und schauen zur Seeseite erblicken wir unweit die Südspitze von Sylt, wo die Sylter aus Freundlichkeit für die Amrumer den Leuchtturm von Hörnum mittig auf der Südende platziert haben. Daran kann ich mich einfach nicht sattsehen!

Neben den örtlichen Vorzügen hat das Strand 33 ein anderes Publikum als das Pendant auf der Nachbarinsel. Nun ja, natürlich nicht ganz anders, aber mit einer deutlich anderen Schwerpunktsetzung. Die Schauleute sind, wie auf der gesamten Insel, kaum zu finden. Damit bleibt es auch abends ein angenehmer Ort.

Das Essen, das Hören, das Staunen

Kulinarisch hat mich die Friesentorte aus Blätterteig, Sahne und Pflaumenmus in den Bann gezogen. Sei es als Original-Friesentorte im Cafe Schult im Norddorf, als den von der Torte inspirierte Friesencrêpe bei Käpt’n Crêpes im Norddorf oder als Eis im Kaffeeflut in Wittdün. Pflaumenmus ist doch zu lecker. Ansonsten bekommt man überall Fisch. Ganz besonders gut beim Fischbäcker im Norddorf: dort schmeckt einfach alles von der Karte.

Hinreißend launige Vorträge werden von Kai Quedens über Inselgeschichte und die Nordsee-Sturmfluten gehalten. Die Vorträge sollten eigentlich als Schulungen für Rhetorik und Vortragsstil angekündigt werden. In jedem Falle lohnt frühzeitiges Kommen, denn sie sind regelmäßig ausverkauft. (Ja, ja, auch wir mussten einen zweiten Anlauf nehmen.)

Eine Fahre zur Hallig Hooge hat noch einmal die Augen geöffnet. Dort habe ich bewusst erlebt, was „Sehen heißt Begreifen“ bedeutet. Mein Bild einer Hallig war geprägt von den Fotos einer Warft während einer Sturmflut mit Land-unter. Die Hallig, die fast die Größe von Baltrum hat, ist vor allem erst einmal das großartige Marschenland. Eine Auszeit dort, ob mit oder ohne Sturmflut, kann ich mir gut vorstellen.

Dieses sind nur einige der Punkte, die mich angesprochen haben. Es gibt sicherlich noch viel mehr zu entdecken, aber das ist einem nächsten Aufenthalt vorbehalten.

Ist nun Amrum das bessere Sylt?

Die Frage ist so falsch gestellt. Wer Sylt liebt, soll sich von meiner Polemik nicht beirren lassen.

Ist denn Sylt so schlecht?

Gottbewahre, nein! Ellenbogen und rotes Kliff, Brandung, die diesen Namen verdient, Sansibar und Teekontor Keitum: auf das alles freue ich mich schon beim nächsten Besuch. Sylt ist für mich nach wie vor eine der schönsten deutschen Nordsee-Inseln. (Und dabei habe ich Spiekeroog noch gar nicht erwähnt.)

Amrum hat Sylt den Rang abgelaufen. Das kann jeder für sich entscheiden. Für mich ist dieses aber eindeutig.

Ich freue mich auf Deinen Kommentar 🙂

Becher mit der Aufschrift: "Sylt kannste knicken"

Selbstverständnis nach Amrumer Art

2 Kommentare

  1. Du hast mich neugierig auf diese Insel gemacht. Ich glaube der nächste „Weiberurlaub“ kann kommen … 🙂

  2. Schöne Beitrag, Ronald. Mein nächster Ausflug geht definitiv nach Anrum. Dort war ich zuletzt 1995 im Rahmen einer Klassenfahrt. 😉

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